Interview des WDR mit Prof.
Friedrich Schweitzer vom 24.10. 2004 in der Sendung "Diesseits von
Eden- aus der Welt der Religionen" von 08.20- 08.55 Uhr in WDR 5
Christina-Maria Purkert:
Der Reformator Martin Luther hat seinen Nachfolgern Erziehung als
Aufgabe festgeschrieben. Er schrieb: "Denn wollen wir feine und
geschickte Leute haben, aus weltlich und geistlichem Regiment, so
müssen wir wahrlich keinen Fleiß, Mühe noch Kosten an unseren Kindern
sparen, zu lehren und zu erziehen, dass sie Gott und der Welt dienen
mögen." Aus dieser Tradition heraus wurde vor 50 Jahren das Comenius
Institut, die Evangelische Arbeitstätte für Erziehungswissenschaft, mit
Sitz in Münster gegründet. An diesem Wochenende feiert sie ihr Jubiläum
in Berlin mit einer Tagung. Dort geht es um ein Problem, das die
Internationalen Vergleiche der letzten Jahre, Stichwort PISA und Co.,
aufgezeigt haben. In Deutschland ist es besonders schlecht um die
Chancengleichheit bestellt. Professor Friedrich Schweitzer, Sie sind
Vorsitzender des Comenius Instituts. Was muss denn geschehen, damit in
Deutschland die Bildung gerechter geteilt wird?
Prof. Friedrich Schweitzer:
Die internationalen Vergleiche unter den Schulen haben für Deutschland
vor allem gezeigt, dass wir im Bereich der leistungsschwächeren
Schülerinnen und Schüler ein großes Defizit haben. Es sind etwa 10-15 %
der Jugendlichen, die unter heutigen Voraussetzungen auf dem
Arbeitsmarkt niemals eine Chance in Deutschland haben werden. Wir
müssen deshalb bei dieser Gruppe besonders entschieden ansetzen, d.h.
wir müssen fragen, welche sprachliche Bildung wir solchen Jugendlichen
und zwar von Kindheit an ermöglichen können, damit ihre Integration
auch wirklich geschehen kann, aber sprachliche Bildung allein reicht
nicht. Wir wissen, dass darunter viele Migrantenkinder und Jugendliche
sind und deshalb stellt sich hier auch die Frage einer kulturellen und
einer religiösen Integration. Aufgaben eines interkulturellen und
interreligiösen Lernens müssen mit sprachlicher Bildung verbunden
werden. Hier reichen die Vorstellungen und Modelle im Bereich des
Comenius Instituts und der evangelischen Bildungsarbeit bewusst weiter
als dies etwa die reinen Sprachprogramme in staatlichen Einrichtungen
zum Teil tun.
Christina-Maria Purkert:
Wie soll das aussehen? Sie sagen ihre Vorstellungen reichen weiter. Ein
Problem dabei ist ja, dass die Schule einfach zu spät anfängt für den
Spracherwerb.
Prof. Friedrich Schweitzer:
Heute sieht man die wichtigen Bildungschancen, die eigentlich von den
ersten Lebenstagen an sich eröffnen. Nun kann man versuchen die
Kindertagesstätten, die Kindergärten stärker für die Schule zu
gewinnen, indem man Lehrerinnen und Lehrer aus den Grundschulen in den
Kindergarten schickt, das ist sicher auch nicht falsch, aber es reicht
allein nicht. Beispielsweise eine Bildungsarbeit mit Familien, die
sprachliche Förderung mit der kulturellen und religiösen Integration
solcher Familien verbindet. Dazu gibt es Erfahrungen im Bereich der
evangelischen Familienbildungsstätten und andere Erfahrungen im Bereich
evangelischer Kindergärten.
Christina-Maria Purkert:
Ein großes Problem ist aber doch, dass Kindergarten keine Pflicht ist,
dass Kindergarten in Deutschland Geld kostet und dass auch die
Evangelische Kirche sparen muss und vor Ort immer wieder gesagt wird:
"Na, dann machen wir mal zwei Kindergartengruppen zu.".
Prof. Friedrich Schweitzer:
Es wird uns in Deutschland langsam bewusst, dass es verrückt und völlig
unhaltbar ist, dass bei uns die Universitäten zwar keine Gebühr kosten,
aber Kindergärten die Eltern kosten sollen. Die erste Forderung muss
hier wirklich an die Politiker gehen, wenn sie es ernst meinen mit
einer Förderung von Kindheit an, dann muss die Kostenpflicht für den
Kindergarten fallen.
Christina-Maria Purkert:
Muss auch die Freiwilligkeit des Besuchs weg? Muss man nicht sagen,
alle Kinder, die in Deutschland leben, müssen ab drei ein bisschen
Bildung bekommen, damit die Sprachfähigkeit für alle gleichmäßig
gewährleistet ist?
Prof. Friedrich Schweitzer:
Ich glaube hier ist ein sorgfältiges Abwägen zwischen den Rechten der
Kinder, den Rechten der Familie und den Pflichten des Gemeinwesens,
also des Staates, angesagt. Ich kann mich nicht dafür aussprechen, dass
alle Kinder zu einem Besuch des Kindergartens verpflichtet werden. Ich
sehe heute an dieser Stelle aber auch keine großen Vorbehalte mehr,
denn die allermeisten Eltern schicken ihre Kinder sehr gerne in
entsprechende Einrichtungen. Es ist mehr ein Problem der Verfügbarkeit
und ein Problem der Qualität entsprechender Einrichtungen.
Christina-Maria Purkert:
Ein weiterer Punkt in dieser Debatte ist ja, dass wenn man die Kinder
mal über den Kindergartenbereich hinaus hat, die Schule, oft
Grundschulbereich, nur drei Stunden am Tag dauert und wieder
Bildungsunterschiede weiter getragen werden. Die Ganztagsschule wird da
immer als Heilmittel gepriesen. Steht die nicht aber auch wieder in
Konkurrenz zu etablierten Strukturen kirchlicher Bildungsarbeit?
Prof. Friedrich Schweitzer:
Das muss nicht sein, kann aber häufig zu Konflikten führen, besonders
in NRW ist das auch tatsächlich der Fall, dass Ganztagsschulen häufig
in Konkurrenz
zum Beispiel auch zu kirchlich getragenen
Kindertagesstätten treten. Das Modell, das die Evangelische Kirche hier
auch in einer Veröffentlichung in diesem Jahr vertreten hat, sieht
anders aus. Man wünscht sich eine fruchtbare Zusammenarbeit im
Ganztagsbereich. Die Frage ist ja, was soll denn die Schule tun, wenn
sie nun den ganzen Tag ausfüllen soll. Welche Angebote soll sie am
Nachmittag machen? Allen leuchtet ein, dass das nicht bedeuten kann,
den ganzen Tag mit Unterricht der herkömmlichen Art zu füllen. Kinder
brauchen guten Unterricht, das ist richtig, sie brauchen aber auch
andere Erfahrungen. Deshalb gibt es Beispiele einer gelungenen
Zusammenarbeit zwischen Ganztagsschulen und der evangelischen Kinder-
und Jugendarbeit, auch der katholischen. Und hier zeigt sich, dass
solche Angebote Kindern soziale und praktische Erfahrungsmöglichkeiten
eröffnen, dass sie ihnen Gelegenheit eröffnen mit ihren großen Fragen,
den Fragen nach Sinn ihres Lebens umzugehen und auf diese Weise das
schulische Lern- und Leistungsspektrum entschieden erweitert werden
kann.
Christina-Maria Purkert:
Wie erklären Sie sich eigentlich, dass in der gesamtgesellschaftlichen
Debatte im Moment wieder ganz viel über Werte gesprochen wird und Werte
eigentlich auch wieder hoch im Kurs sind, in der Bildungsdebatte aber
vor allen Dingen über Leistung gesprochen wird und gar nicht viel über
Werte?
Prof. Friedrich Schweitzer:
Hier sind zwei wichtige Einsichten einfach noch nicht zusammengeführt
worden. Dass heute im Bereich der Bildung und der Schule viel über
Mathematik und Naturwissenschaften, über sprachliche Bildung, aber
nicht über Werte gesprochen wird, das hängt damit zusammen, dass die
Leistungsvergleichsuntersuchungen sich auf diese Bereiche und nicht auf
Werte bezogen haben. Sie kamen aus Amerika und dort hat man diesen
Bereich weniger deutlich gesehen. Das ist das eine. Auf der anderen
Seite ist die Frage nach den Werten in Deutschland und in Europa
natürlich in vieler Hinsicht brandaktuell. Seit dem 11. September 2001
stellt sich die Frage, welche Werte denn die verschiedenen Kulturen und
Religionsangehörigen auch noch in friedlicher Weise zusammen leben
lassen. Ähnliche Erfahrungen haben wir natürlich gemacht mit Gewalt im
Bereich der Schule. Es wird in Zukunft darauf ankommen, dass wir diese
beiden Einsichten wirklich miteinander verbinden.
Christina-Maria Purkert:
Die evangelische Position in der aktuellen Bildungsdebatte. Professor
Friedrich Schweitzer, Vorsitzender des Comenius Instituts hat sie
skizziert.